Es scheint in unserer Gesellschaft mit Social Media Kanälen ohne Ende schwierig geworden zu sein, einfach mal zu schweigen. Dieser Tage ist es wieder vielerorts zu beobachten. Der abgehalfterte ehemalige Bundesanwalt Michael Lauber fühlt sich im TAGES-GESPRÄCH bei Radio SRF bemüssigt, die Untersuchungsbehörden im Fall von Crans-Montana zu kritisieren. Diese würden die Glaubwürdigkeit des gesamten Schweizer Justizsystems in der Öffentlichkeit beschädigen. Sagt Lauber. Ausgerechnet Lauber, der zusammen mit seinem damaligen Mediensprecher André Marty und den gemeinsamen Erinnerungslücken im sog. FIFA-Komplex genau das tat, was er jetzt den Walliser Behörden vorwirft. Man kann darob nur den Kopf schütteln.

Tags zuvor gibt der ehemalige Bundesgerichtspräsident und heute wegen seiner Liebesaffäre zu einer Kollegin unter Beschuss geratene Bundesrichter Yves Donzallaz dem TAGES-ANZEIGER ein Exklusivinterview. In dem spart er nicht mit Details, wie sich die Liebesaffäre beim gemeinsamen Aufräumen von Unwetterschäden in der Liegenschaft von Donzallaz im Wallis entwickelte, bis Bundesrichterin Van de Graaf schliesslich bei ihm übernachtete. – Too much information!, ist man geneigt, ihm zuzurufen. Noch schlimmer wird es, als er beginnt, dem anderen früheren alt-Bundesrichter Ulrich Meyer dessen Affäre mit einer Gerichtsschreiberin aufzurechnen. «Schluss mit dem Kindergarten» titelt die Justizplattform Inside Justiz – völlig zurecht. Und das Bundesgericht selbst wirft hinterher, das Interview sei nicht mit dem Gericht abgesprochen gewesen und man werde sich hüten, es zu kommentieren.

Dann der Gemeindepräsident Nicolas Féraud von Crans-Montana. Er gewährt Canal 9 ein Interview. Wirklich kritische Fragen bleiben leider aus, aber gleichwohl stellt sich Féraud erneut als Opfer dar und zeigt keinerlei Einsicht in das eigene Versagen. Auch er scheint in einer völligen Bubble zu leben. Dass er längst hätte die Konsequenzen ziehen und zurücktreten müssen, geht nach wie vor komplett an ihm vorbei. Man darf gespannt sein, wie heftig der mediale Shitstorm in den italienischen Medien in den nächsten Tagen ausfallen wird. Die NZZ kommentiert auf jeden Fall zurecht höchst distanziert.

Und nein, es ist keine Frage des Geschlechts und auch nicht der Walliser Herkunft. Das beweist die Basler Ständerätin Eva Herzog, die gestern in den Social Media Kanälen und im TAGES-ANZEIGER Daniel Jositsch die Kappe wäscht und dessen Kritik, es habe in der SP keinen Platz mehr für Sozialliberale, als «anmassend» abkanzelt. Gemäss TAGES-ANZEIGER habe sie sich selbst der Redaktion angedient, um ihrem Ärger Luft zu machen. Herzog reiht sich damit ein in die Schmähungen gegen Jositsch, wie sie schon von Jacqueline Badran kamen, die Jositsch öffentlich als «Möchtegern-Alphamännchen» bezeichnete. Von ihren Parteifreunden, u.a. der abtretenden Zürcher Justizdirektorin Jacqueline Fehr, erhält Herzog für ihre «Einordnung» zwar viel Applaus. – Dass die ganze Welt ausserhalb der engen SP-Bubble ob dem öffentlich ausgetragenen Gezänk wahlweise den Kopf schüttelt oder sich köstlich amüsiert: Für eine solche Einsicht scheint die kommunikative Sensibilität nicht mehr auszureichen. Für den neutralen Beobachter bleibt der Eindruck: Man redet in der SP offenbar lieber über- als miteinander. Und das gerne abschätzig.

Als Experten für (Krisen-)Kommunikation mussten wir früher unsere Mandanten meist dazu ermuntern, sich nicht ins Schneckenloch zu verkriechen bei Konflikten und rasch, klar und transparent auf den Tisch zu legen, was es auf den Tisch zu legen gab – damit anschliessend wieder Ruhe war. Heute ist das Gegenteil der Fall: Immer mehr muss unsere Aufgabe darin bestehen, den Protagonisten darzulegen, warum öffentliche Kommunikation zur Unzeit und zu Themen, zu denen man besser schweigt, mehr schadet als nutzt. Offenkundig ist vielen das Gespür dafür völlig abhanden gekommen.

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